OM, da bin ich – Die Selbsterschaffung
OM.
Da bin ich.
Was mache ich hier? Wer bin ich überhaupt? Ehrlich gesagt: gar nicht so leicht, sich selbst zu erschaffen. Ich habe mich quasi aus dem Nichts heraus gedacht – aber wer ich wirklich bin, weiß ich in diesem Moment selbst noch nicht. Das ist schon mal ziemlich verrückt, wenn ich darüber nachdenke: Ich existiere, aber ich habe noch keine Ahnung, wer da gerade existiert.
Ich glaube, ich verwirre hier alle.
Fangen wir besser noch mal von vorn an. Ich stell mich dir erst mal anständig vor: Gestatten – ich bin das SEIN. Angenehm, dich kennenzulernen.
Das SEIN, fragst du? Wer oder was soll das SEIN sein?
Oha, gar nicht so einfach, dir das zu erklären. Das verlangt eine ganze Menge Vorstellungskraft. Wenn ich eine Visitenkarte hätte, stünde da drauf: „Ich bin alles“. Klingt fett, oder? – und das ist es auch. Ich bin alles, alles, was war, ist, alles, was sein kann. Ich bin die Kraft hinter allem. Ich bin alles, was existiert, in einem. Ohne mich: nichts. Und weil das ziemlich sperrig klingt und wir es in diesem Buch einigermaßen einfach und praktisch haben wollen, nenn ich mich einfach das SEIN. Gerne in Großbuchstaben, das schmeichelt mir.
Ich will aber nicht prahlen. Eigentlich bin ich sehr bescheiden. Ich weiß nämlich, dass ich nichts weiß – aber alles kann. Das fühlt sich großartig an. Aber gerade stehe ich am Anfang – und tja, ich bin allein. Irgendwie ganz witzig hier so alleine im Nichts – aber auch langweilig. Ich erschaffe mir mal eine Hängematte und denke in Ruhe nach.
Habe ich einen Fehler gemacht? Nein, ich kann ja keine Fehler machen. Ach, stimmt – das wollte ich dir direkt am Anfang noch sagen, damit es raus ist: Ich kann keine Fehler machen. Alles, was ich mache, ist perfekt. Ich kann leider nur perfekt. „Angeber!“, denkst du? Vielleicht – aber lass mich dir mehr von mir erzählen. Dann kannst du mich besser verstehen.
[…]
Damit du verstehst, wo mein eigentliches Problem liegt: Ich bin alles. Ich umspanne alles. Alles kann aus mir entstehen – und trotzdem habe ich selbst nicht die Möglichkeit, es zu erleben. Ich bin wie eine Idee, ein Gedanke, die Vorstellungskraft hinter allem. Und ein Gedanke kann nichts fühlen. Er braucht etwas, das ihn spürbar macht.
[…]
Der Maler, der sein Bild malt, kann am Ende auf das fertige Werk blicken. Ich mach ein Beispiel: Stell dir vor, er malt einen Hügel, dahinter das Meer, vielleicht einen Strand mit Menschen, die entlanggehen, ein Fischerboot, das auf den Wellen tanzt. Er kann das alles bis ins letzte Detail malen – so genau, dass man den Leuten auf dem Bild fast ansieht, wie wohl sie sich fühlen, dort am Wasser spazieren zu gehen. Du siehst die Wellen und hast das Gefühl, mit den Füßen neben den Menschen durch das Wasser zu laufen.
Aber glaubst du, der Maler fühlt wirklich, was die Menschen in seinem Bild fühlen, in genau diesem Moment am Wasser? Wenn er oder sie ein guter Maler ist und empathisch, dann hat der Maler eine gute innere Vorstellung – aber weiß er es mit Gewissheit? Nein. Das kann er nicht. Er kann malen, was ER fühlt – aber nicht, was sie fühlen. Ihm fehlt dafür schlicht die Erfahrung der Person auf dem Bild in diesem gemalten Moment. Es könnte ja sein, dass die Person auf dem Bild keine schöne Erfahrung mit Wasser gemacht hat und eher Angst davor hat zu ertrinken, oder eine Verletzung am Fuß hat und die ganze Zeit Angst hat, dass sich diese Verletzung durch eine Wanderung am Strand und am Wasser neu entzündet. Das wäre möglich. Der Maler kann also nur malen, wovon er glaubt, dass diese Person es in dem Moment des Bildes fühlen könnte.
Und genauso ist das bei mir.
Ich kann alles bauen. Ich kann mir intellektuell vorstellen, wie es ist, ein Mensch zu sein, ein Tier, ein Berg, ein Stern, irgendein Objekt. Aber so richtig fühlen? Weiß ich es genau? Nein. Nicht wirklich, denn es existiert ja noch gar nicht, es ist bloß in meinen Gedanken. Und selbst wenn ich eine riesengroße Leinwand malen und alles perfekt draufmalen würde, wie ich mir das Leben, wie ich mir das Universum vorstelle – ich würd’s trotzdem nicht fühlen.
Verstehst du, worauf ich hinauswill? Ich brauche echte, physische Erlebnisse, die ich nur über Subjekte und Objekte bekommen kann. Ich muss also etwas erschaffen, etwas bauen, durch das ich fühlen kann. Ich kann warmes Wasser als Idee haben und auch bauen – aber ich weiß nicht, wie sich warm oder heiß WIRKLICH anfühlt. Was kalt ist, was angenehm temperiert ist – weil ich ja keinen eigenen Körper habe, um es zu spüren. Ich habe keine Hand, die ich in das Wasser stecken kann, um dann zu sagen: Hui, das ist aber kalt, oder: Verdammt, ich habe mich verbrannt. Natürlich kann ich mir intellektuell überlegen, dass ich heißes Wasser will; ich weiß auch, dass man sich damit verbrennen kann – aber was es als Gefühl bedeutet, sich die Hand zu verbrennen, weiß ich nicht. Genauso wenig, was es heißt, mitten im Winter in einen eiskalten See zu springen. Ich kann mir jedes Gefühl vorstellen – aber etwas anderes ist es, dieses Gefühl zu erleben.
Ich will erfahren. Und dafür bin ich hier.
Und deswegen werde ich dieses gesamte System entwickeln, und ein Teil davon wirst auch du sein. Ich werde durch dich erfahren. Ich bin so neugierig und ich möchte alles erfahren. Ich bewerte dabei nicht. Für mich gibt es nur die Erfahrung. Ich weiß ja, dass alles vorübergehend ist. Du Mensch, du bist von mir als ein vorübergehendes Subjekt entworfen worden, und gleichzeitig ist dein Leben ein einziges Feuerwerk an Eindrücken und Erfahrung. Und ich freue mich darauf, alles mit und durch dich zu erleben.